Wer auf Nord- oder Ostsee unterwegs ist, kommt am Seewetterbericht des Deutschen Wetterdienstes nicht vorbei. Wer den Seewetterbericht lesen kann und seine festen Regeln kennt, erkennt in wenigen Minuten, womit er auf seinem Seegebiet rechnen muss.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Der Seewetterbericht für Nord- und Ostsee kommt vom Seewetterdienst Hamburg des DWD und besteht aus Wetterlage und Vorhersage für die einzelnen Seegebiete.
- Windstärken stehen als Beaufort-Zahl ohne Einheit da und meinen den mittleren Wind, Böen werden zusätzlich genannt.
- Seegang wird in Metern angegeben, die Sicht in Stufen von dichtem Nebel bis gute Sicht.
- Starkwind bedeutet 6 bis 7 Beaufort, Sturm 8 bis 9, Orkan 10 bis 12, jeweils als mittlerer Wind.
- Abrufen kannst du den Bericht im Internet, im Radio, über NAVTEX und über UKW-Seefunk.
Wie ist der Seewetterbericht des DWD aufgebaut?
Der Seewetterbericht beginnt mit der Wetterlage und geht dann Seegebiet für Seegebiet durch, was Wind, Wetter mit Sicht und Seegang machen. Warnungen erscheinen getrennt davon als eigene Meldungen.
Kopf und Wetterlage
Ganz oben steht, wann der Bericht erschienen ist: „herausgegeben vom Deutschen Wetterdienst, Seewetterdienst Hamburg, am …“ mit Datum und Uhrzeit. Achte immer auf diese Zeile, damit du nicht versehentlich eine veraltete Ausgabe liest. Danach beschreibt die Wetterlage in wenigen Sätzen, wo Tiefs und Hochs liegen, wie stark sie sind und wohin sie ziehen. Hinter dem Tief oder Hoch steht oft der Kerndruck in Hektopascal, etwa „Orkantief 947“. Dieser Teil sagt dir noch nichts über dein Seegebiet, erklärt aber, warum sich der Wind so entwickelt, wie es danach beschrieben wird.
Vorhersage
Danach folgt der Hauptteil, gegliedert nach Seegebieten. Für jedes Gebiet gibt es drei Zeilen in fester Reihenfolge, beschriftet mit „Wind:“, „Sicht/Wetter:“ und „Seegang:“. Online ist die Vorhersage in zwei Tagesblöcke geteilt, etwa „Sonntag“ und „Montag“.
Warnungen
Wind- und Sturmwarnungen für die deutschen Küsten verbreitet der DWD als eigene Meldungen, rund um die Uhr. Eine Warnung bleibt so lange in Kraft, bis sie durch eine neue ersetzt oder aufgehoben wird. Wenn im Bericht selbst keine Warnung auftaucht, heißt das also nicht, dass keine gilt.
Welche Seegebiete deckt der Seewetterbericht für Nord- und Ostsee ab?
Der Bericht teilt Nord- und Ostsee in feste Seegebiete ein, die immer in derselben Reihenfolge erscheinen. Für die deutsche Nordseeküste ist vor allem die Deutsche Bucht maßgeblich.
Im aktuellen Seewetterbericht für Nord- und Ostsee stehen diese Gebiete nacheinander:
- Südwestliche Nordsee, Deutsche Bucht, Fischer, Skagerrak
- Kattegat, Belte und Sund
- Westliche Ostsee, Südliche Ostsee, Südöstliche Ostsee
Die Gebiete richten sich nach dem Meer, nicht nach Landesgrenzen. Auf längeren Schlägen berührt dein Kurs oft mehr als ein Gebiet, deshalb lohnt es sich, alle betroffenen Gebiete zu lesen und nicht nur das um deinen Abfahrtshafen. Innerhalb eines Gebiets kann der Bericht Teile hervorheben, etwa mit „Nordteil“ oder „Ostteil“.
Seewetterbericht lesen: Was bedeuten die Windangaben?
Eine Windangabe wie „Südwest 6, Böen 8“ bedeutet: Der Wind kommt aus Südwest, der mittlere Wind liegt bei 6 Beaufort, einzelne Böen erreichen 8 Beaufort.
Mittelwind und Beaufort
Die Zahl hinter der Richtung ist eine Beaufort-Stufe. Gemeint ist der mittlere Wind, gemittelt über zehn Minuten in zehn Metern Höhe über der Wasseroberfläche. Steht dort „5 bis 6“, liegt der mittlere Wind im Vorhersagezeitraum in diesem Bereich. Wenn du lieber in Knoten oder km/h denkst, hilft dir unser Beitrag zum Umrechnen von Knoten in km/h.
Böen
Böen stehen zusätzlich hinter dem Mittelwind, etwa „Böen 8“. In labiler Luft mit Schauern können Böen bis zu zwei Beaufort-Stufen stärker sein als der mittlere Wind, an Fronten und in Gewittern auch mehr. Für die Planung zählt deshalb beides: Der Mittelwind bestimmt, wie viel Segelfläche du dauerhaft tragen kannst, die Böen, wie viel Reserve du einplanen solltest.
Richtung, Drehen und „umlaufend“
Die Windrichtung gibt an, woher der Wind weht, in acht Richtungen von Nord bis Nordwest. Jede Angabe deckt einen Bereich von etwa 22,5 Grad zu beiden Seiten ab. Dazu kommen einige feste Begriffe:
- Rechtdrehend heißt, der Wind dreht im Uhrzeigersinn, etwa von Süd über Südwest nach West. Rückdrehend ist die Gegenrichtung. Erwähnt wird eine Drehung erst ab etwa 45 Grad.
- Umlaufend bedeutet, dass der Wind keine feste Richtung hat. Der DWD verwendet das Wort nur für schwachen Wind bis etwa 5 Knoten.
- Zunehmend und abnehmend beschreiben, dass der Wind im Lauf des Zeitraums stärker oder schwächer wird, zum Beispiel „Südwest 4, zunehmend 6“.
Was bedeuten Seegang und Sicht im Seewetterbericht?
Der Seegang steht in Metern und beschreibt die typische Höhe der höheren Wellen. Die Sicht wird in Worten angegeben, hinter denen feste Entfernungen stehen.
Seegang in Metern
Die Meterangabe entspricht ungefähr der durchschnittlichen Höhe des höchsten Drittels aller Wellen. Einzelne Wellen können mehr als doppelt so hoch sein, der DWD rechnet mit dem Faktor 2,2. Bei „Seegang 2 Meter“ musst du also mit einzelnen Wellen von gut vier Metern rechnen. Auf der Nordsee wird Seegang ab drei Metern hervorgehoben, auf der Ostsee schon ab 1,5 Metern.
Sichtstufen
Die Sichtangaben folgen dieser Einteilung:
- dichter Nebel: unter 50 Meter
- Nebel: 50 bis 1.000 Meter
- diesig: 1 bis 4 Kilometer
- mittlere Sicht: 4 bis 10 Kilometer
- gute Sicht: über 10 Kilometer
Im Bericht steht die Sicht in der Zeile „Sicht/Wetter:“ zusammen mit dem Wetter, etwa „Zeitweise Regen oder Schauer mit schlechter Sicht“ oder „Schauer mit mittlerer Sicht“. „Schlechte Sicht“ bedeutet eingeschränkte Sicht unterhalb der mittleren Sicht. Für Fahrten im Fahrwasser oder in der Nähe von Verkehrstrennungsgebieten ist diese Angabe oft genauso wichtig wie der Wind.
Was heißt „anfangs“, „später“ oder „strichweise“?
Diese Wörter teilen den Vorhersagezeitraum oder das Seegebiet auf. Sie sagen dir, wann und wo etwas passiert, ohne Uhrzeiten oder Koordinaten zu nennen.
Für die Zeit gilt eine einfache Drittelregel. „Anfangs“, „rasch“ oder „schnell“ betrifft das erste Drittel des Zeitraums, ein Ereignis ohne Zeitangabe das mittlere Drittel, „später“ das letzte Drittel. „Wenig Änderung“ bedeutet, dass sich kaum etwas tut. Bei einer Vorhersage über einen ganzen Tag heißt „später auf West drehend“ also: eher gegen Ende.
„Vorübergehend“ und „zeitweise“ beschreiben, dass etwas nicht den ganzen Zeitraum anhält, zum Beispiel Böen oder höherer Seegang. „Strichweise“ und „gebietsweise“ sind dagegen Ortsangaben: Das Beschriebene tritt dann nur in Teilen des Seegebiets auf, etwa Gewitter, Nebel oder einzelne stärkere Windfelder wie „strichweise 9“.
Ab wann gibt der DWD eine Starkwind- oder Sturmwarnung heraus?
Der Seewetterdienst unterscheidet drei Stufen nach dem mittleren Wind: Starkwind bei 6 und 7 Beaufort (an der Küste offiziell „Windwarnung“), Sturm bei 8 und 9, Orkan bei 10 bis 12. Für die deutschen Küsten kommen Böenwarnungen hinzu.
| Stufe | Beaufort (Mittelwind) | ungefähr in Knoten |
|---|---|---|
| Starkwind | 6 bis 7 | 22 bis 33 |
| Sturm | 8 bis 9 | 34 bis 47 |
| Orkan | 10 bis 12 | ab 48 |
Die Küstenwarnungen gelten für feste Abschnitte: an der Nordsee Ostfriesische Küste, Elbmündung, Seegebiet Helgoland, Nordfriesische Küste und die Elbe von Hamburg bis Cuxhaven, an der Ostsee Flensburg bis Fehmarn, östlich Fehmarn bis Rügen und östlich Rügen. Eine Windwarnung gibt es dort ab 6 Beaufort Mittelwind, eine Sturmwarnung ab 8. Liegt der Mittelwind unter 6, die Böen aber bei 7 oder mehr, folgt eine Böenwarnung. Auch Gewitter werden gemeldet, zusammen mit der passenden Wind- oder Böenwarnung.
Die englischsprachigen NAVTEX-Warnungen für die Deutsche Bucht beginnen ab 7 Beaufort und kommen etwa 18 Stunden vor dem erwarteten Ereignis.
Wo und wann wird der Seewetterbericht veröffentlicht?
Am schnellsten findest du den Seewetterbericht online beim DWD. Unterwegs ohne Internet helfen Radio, NAVTEX und UKW-Seefunk. Die aktuellen Sendezeiten und Frequenzen veröffentlicht der DWD auf seinen Seewetterseiten (www.dwd.de/seewetter). Sie ändern sich gelegentlich, deshalb lohnt vor der Saison ein Blick in die aktuelle Übersicht.
Internet und App
Auf den Seewetterseiten des DWD stehen der Seewetterbericht für Nord- und Ostsee, Karten zu Wind und Seegang, aktuelle Stationsmeldungen und die Küstenwarnungen. Die Warnungen zeigt auch die WarnWetter-App des DWD an.
Den Bericht gibt es auch auf Englisch: Der DWD veröffentlicht ihn als „Weather and sea bulletin for the North and Baltic Seas“ mit denselben Seegebieten, etwa „German Bight“ oder „Belts and Sound“. Das hilft, wenn eine internationale Crew an Bord ist.
Radio
NDR Info Spezial sendet den Seewetterbericht für Nord- und Ostsee, die Sendezeiten nennt der DWD auf seinen Seewetterseiten. Das Programm läuft über DAB+, Satellit, Livestream und die NDR-App.
NAVTEX
NAVTEX ist ein Funkdienst, der Warnungen und Vorhersagen als Text auf ein Empfangsgerät an Bord schickt. Für deutsche Segler sind zwei Kanäle wichtig:
- Deutsch auf 490 kHz, Station Pinneberg, Kennbuchstabe L: Windwarnungen, nautische Warnungen und Vorhersagen, im Wechsel für Ostsee (01.50, 09.50 und 17.50 UTC) und Nordsee (05.50, 13.50 und 21.50 UTC).
- Englisch auf 518 kHz, Station Pinneberg, Kennbuchstabe S: Warnungen für die Deutsche Bucht um 03, 07, 11, 15, 19 und 23 UTC sowie sofort nach Eingang. Für die westliche und südliche Ostsee sendet die schwedische Station Gislövshammar (Kennbuchstabe J).
Die Sendefenster folgen der DWD-Übersicht, aktuelle Angaben stehen unter www.dwd.de/seewetter. Denk daran, dass NAVTEX in UTC sendet: Im Sommer musst du zwei Stunden addieren, im Winter eine. In NAVTEX-Warnungen haben die Zeitwörter eine eigene Bedeutung: „schnell“ heißt innerhalb von 6 Stunden, „bald“ in 6 bis 12 Stunden, „später“ in 12 bis 18 Stunden. Das ist nicht dasselbe wie die Drittelregel im Seewetterbericht.
UKW-Seefunk
Die Verkehrszentralen an der Küste, zum Beispiel German Bight Traffic oder Warnemünde Traffic, geben im Revierfunk Sturmwarnungen, Wetter- und Sichtinformationen durch. Zusätzlich verbreitet der Dienst DP07 Seefunk in der Saison Seewetterberichte über UKW-Küstenfunkstellen an Nord- und Ostsee, mehrmals am Tag. Die Kanäle unterscheiden sich je nach Küstenabschnitt und stehen ebenfalls in der Übersicht des DWD.
Gibt es vergleichbare Seewetterberichte im Mittelmeer?
Ja. Der DWD veröffentlicht selbst einen Seewetterbericht für das Mittelmeer, und die Wetterdienste der Anrainerstaaten geben eigene Berichte für ihre Küsten heraus.
In Kroatien erstellt das Seewetterzentrum Split des Wetterdienstes DHMZ einen Seewetterbericht für die Adria mit Warnung, Wetterlage, Vorhersage für zwölf Stunden und Aussicht, auch auf Deutsch. In Griechenland ist der nationale Wetterdienst HNMS (EMY) zuständig, der Vorhersagen und Warnungen für die griechischen Seegebiete herausgibt, zu finden auf der Seewetterseite des HNMS. Welche Winde dort typisch sind, liest du in unserem Überblick über die wichtigsten Winde im Mittelmeerraum.
Häufige Fragen
Wie oft wird der Seewetterbericht aktualisiert?
Mehrmals täglich. Maßgeblich ist immer die Ausgabezeit im Kopf des Berichts. Warnungen kommen zusätzlich, sobald sie herausgegeben werden.
Ist die Windstärke im Seewetterbericht in Knoten angegeben?
Nein. Die Zahl ist eine Beaufort-Stufe und beschreibt den über zehn Minuten gemittelten Wind. 6 Beaufort entsprechen etwa 22 bis 27 Knoten.
Was ist der Unterschied zwischen Starkwind und Sturm?
Starkwind bedeutet einen mittleren Wind von 6 bis 7 Beaufort, Sturm von 8 bis 9 Beaufort. Böen können jeweils darüber liegen.
Gilt der Seewetterbericht auch für Binnenreviere?
Nein. Für einige größere Binnenseen, etwa Bodensee, Chiemsee oder Steinhuder Meer, gibt der DWD eigene Binnenseewarnungen heraus, die auf seinen Warnseiten stehen.
Seewetter in der Praxis üben
Den Seewetterbericht zu lesen ist eine Sache, ihn mit dem Himmel und dem Wasser abzugleichen eine andere. Das gelingt am besten an Bord, wenn morgens gemeinsam der Bericht besprochen und abends mit dem Erlebten verglichen wird. Auf Törnfinder findest du Angebote zum Skippertraining, bei denen Wetterplanung zum Programm gehört, und Törns auf der Nordsee und der Ostsee, wo du die Seegebiete aus dem Bericht direkt vor dir hast.





