In 16.5 Tagen segelten wir über 2300 Seemeilen von Sint Maarten nach Horta. Wir erlebten Schräglage, Flauten, Wale, Orkas, Motorprobleme, eine spontane Atlantiktaufe, ein Bergfest mit Käsefondue und eine kleine Regatta mit anderen Crews. Trotz Kälte, Müdigkeit und Snickers‑Krise blieben Humor und Teamgeist stark – und die MyWay brachte uns sicher über den Atlantik.**
Land: Sint Maarten (NL)
Starthafen: Sint Maarten
Zielhafen: Horta
Route: Sint Maarten - Horta
Seemeilen: 2304
Reisezeit: 10.05.2025 – 25.05.2025
Segelyacht: Monohull, Elan Impression, 52 Fuß
Ein Ozean, der uns prüft, trägt, überrascht – und am Ende verändert.
Der letzte Abend in Sint Maarten liegt über uns wie ein leiser Abschied. Die Lagune glitzert im warmen Licht, als wüsste sie, dass wir sie verlassen. Wir gehen ein letztes Mal über die Stege, werfen einen Blick auf die MyWay, die morgen nicht mehr nur ein Boot sein wird, sondern unser kleines Universum mitten im Atlantik. Alles ist verstaut, alles gesichert, und doch spüren wir dieses Kribbeln, das nur der Aufbruch in etwas Großes erzeugt. Morgen beginnt unser Abenteuer.
Am nächsten Morgen, Punkt 08:30 Uhr, hebt sich die Brücke wie ein Tor in eine andere Welt. Wir gleiten hindurch, schneller als je zuvor, und plötzlich öffnet sich der Atlantik vor uns – weit, offen, mächtig. Ein Versprechen und eine Warnung zugleich. Noch am ersten Abend zeigt er uns, dass er es ernst meint: Wasser dringt ein. Wir reißen Bodenbretter hoch, suchen, fluchen, finden schließlich den alten Schlauch der Motorkühlung. Abdichten. Testen. Weiter. Der Atlantik prüft uns früh. Wir bestehen.
Die nächsten Tage gehören dem Wind. Er steht hart am Wind, zwingt uns in eine permanente Schräglage, die bald zu unserem Normalzustand wird. Kochen wird zum Balanceakt, Schlafen zur Kunstform. Die Seekrankheit schleicht sich an wie ein stiller Schatten – nicht schlimm, aber immer da. Wir lernen, uns vorsichtig zu bewegen, als wäre jeder Schritt ein Pakt mit dem Magen. Der Autopilot fällt einmal aus, wir rebooten ihn, und weiter geht’s. 450 Meilen liegen hinter uns. Wir kommen an.
Nach fünf Tagen voller Wind bricht plötzlich alles zusammen. Die See wird glatt wie Glas, der Himmel weit wie ein endloser Dom. Wir treiben. Die Flaute legt sich über uns wie eine Decke. Wir nutzen die Pause, um Neptun zu würdigen. Der Skipper hebt sein Glas und lacht: „Ich bin seit fünf Monaten in der Karibik – ich hab Kredit bei dem!“ Dann fangen wir unseren ersten Fisch, einen Atlantikbewohner, der offenbar auch nach Europa wollte.
Die Flaute hält an, und irgendwann beschließen wir: Wenn einer springt, springen alle. 5000 Meter Wasser unter uns, ein Sprung nach dem anderen, Schreie, Lachen, Nervenkitzel. Ein schneller Rückweg an Bord. Wir sind erleichtert, dass niemand gefressen wurde – und stolz, dass wir uns getraut haben.
Die Nächte werden dunkler. Der Mond bleibt verschwunden, der Sternenhimmel ist atemberaubend und unheimlich zugleich. Ein Containerschiff kreuzt unseren Kurs. Wir sehen es, es sieht uns – aber nicht auf dem AIS. Ein Funkspruch klärt die Lage. Unser AIS spinnt. Wir nehmen’s mit Humor: „Hauptsache, wir sehen sie – und sie uns.“
Endlich Raumschot. Endlich Schmetterling – die Segelstellung, die uns zum ersten Mal seit Tagen gerade stehen lässt. Wir treffen die „Odessa“, kleiner, aber schneller. Ein kurzer Funk, ein paar Sprüche, ein bisschen Seemannsehre. Die Nacht bleibt ruhig.
Die Hälfte der Strecke ist geschafft. 1100 Meilen liegen noch vor uns, aber heute feiern wir. Mitten auf dem Atlantik, bei ruhigem Schmetterlingskurs und Sonnenschein, holen wir das Rechaud hervor und tun, was man auf einem Schweizer Boot tun muss: ein Käsefondue. Der Duft von geschmolzenem Käse mischt sich mit der salzigen Atlantikluft. Für einen Moment fühlen wir uns wie in den Bergen – nur dass rundherum 5000 Meter Wasser liegen.
Die Wellen kommen quer, das Groß schlägt, das Schiff rollt wie ein betrunkener Wal. Wir nehmen das Groß raus, fahren nur mit Genua – und trotzdem 5–7 Knoten. Die Backmaschine wird gehackt, um irgend ein essbaren Kuchen zu produzieren. Es funktioniert. Irgendwie. Und dann beginnt die inoffizielle Regatta: MyWay gegen Seestern gegen Odessa. Über Funk wird geneckt, gelacht, herausgefordert. Wir reffen, trimmen, geben Gas – und holen tatsächlich auf.
Die Temperaturen fallen, die Jacken werden dicker. Die Stimmung bleibt gut – bis die Wahrheit ans Licht kommt: Die Snickers sind aus. Ein Schockmoment. Wir improvisieren mit Keksen. Die Lage stabilisiert sich.
Kurz vor der Dämmerung tauchen Orkas auf. Majestätisch. Nah. Unvergesslich. Am nächsten Tag Grindwale. Der Atlantik zeigt seine ganze Schönheit. Weniger schön: Das Frischwasser versagt. Die Hähne bleiben trocken. Panik? Kurz. Dann finden wir Sand und Kalk im Sieb. Reinigen – und das Wasser läuft wieder.
Der Wind ist schwach, die See ruhig. Wir haben Zeit – und plötzlich merken wir, wie sehr sich unser Alltag verändert hat. Kochen in Schräglage ist Routine geworden. Schlafen in 2‑3 Stunden‑Etappen fühlt sich normal an. Jeder kennt seine Wache, seine Aufgaben, seine Handgriffe. Wir essen, lachen, reparieren, putzen, ruhen, beobachten den Horizont. Die MyWay ist längst nicht mehr nur ein Boot – sie ist unser kleines Universum. Abends tauchen Delfine auf, die im Plankton leuchten. Ein Moment, der uns alle still werden lässt.
Die See wird spiegelglatt. 24-Stunden Motoren. Die Sonne schein, wir können unsere Glieder wieder aufwärmen. Nachts herrscht wieder absolute Dunkelheit. Am nächsten Morgen, ein Wal taucht plötzlich direkt vor dem Bug ab. Ein Herzschlagmoment.
Noch 200 Meilen. Alles läuft. Bis der Motor stottert. Ruckelt. Und mitten in der Nacht um 03.46h ausgeht. Dieselfilter? Dreck im Tank? Falsche Anzeige? Niemand weiß es. Wir bleiben ruhig. Wir haben schon Schlimmeres gemeistert. Und irgendwie – wie immer – bekommen wir es hin.
Und dann, am 16ten Tag, taucht sie endlich auf: die Silhouette der Azoren. Horta. Der Hafen, von dem jeder Langfahrtsegler träumt. Wir haben es geschafft. 2304 Seemeilen, 16-Tage und 2,5 Stunden. Flauten, Schräglagen, Wale, Orkas, Motorendrama, Regatta, Fondue, Kuchen, Neptunstaufe, Seekrankheit, Snickers‑Krise und unzählige Momente, die uns für immer verbinden.
Es wartet die Belohnung: Ein weltberühmter Gin-Tonic im Cafe Sport und die Gewissheit, es geschafft zu haben.
Die MyWay hat uns sicher über den Atlantik getragen.
Und wir haben bewiesen, was eine Crew ausmacht:
Mut, Humor, Teamgeist – und die Fähigkeit, selbst im Chaos zu lachen.
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